GERÄUSCHKULISSE

Jeden Morgen um 4 Uhr geht‘s los, da hält unten vor dem Haus der erste LKW, und der Bäcker, der mangels eigener Backstube in seiner Daseinsform als Filiale einer berühmten Kette nicht selber produziert, wird beliefert. Rollwagen runter vom LKW, rein in den Laden, Rollwagen vom Vortag raus, alles sehr hochwertig aus lautem Metall. In den ersten Nächten hier hat er mich noch geweckt, mittlerweile nehme ich ihn gar nicht mehr wahr. Ab 6 Uhr kommen dann alle anderen, der Lieferant des Bekleidungsgeschäftes gegenüber (die müssen ein irres Geschäft machen, denn der kommt ebenfalls täglich!), die vielen Paketzulieferer mit 3 bis 4 Buchstaben in ihrem Firmennamen, viele andere wie auch immer geartete Autos, die irgendetwas bringen oder abholen (oder vielleicht auch nur einen Kaffee trinken), und zuletzt dann auch die Kehrmaschine, die mich mit ihrem herrlich gleichmäßigen Brummeln endgültig aus meinem Schlaf holt. Und eh‘ Ihr den Gedanken auch nur zu Ende denken könnt: Erinnert Euch, ich bin Musikerin und arbeite oft spät und darf länger schlafen. So.

Gegen 11 Uhr ist der Spuk vorbei. Es kehrt eine herrliche Ruhe ein, die fast ein wenig an meine autofreie Lieblingsinsel Juist erinnert (allerdings ohne die Pferdewagen). Man hört nur noch das leichte Treiben menschlicher Stimmen, ein musikalisches Gemurmel aus dem sich ab und an ein Lachen oder ein Kindergeschrei erhebt. Dann wird es gleichzeitig gemütlich aber auch inspirierend, denn jeder, der dort unter meinem Fenster herumschwirrt geht seinem Ziel entgegen, was mich zu meinem eigenen Tun ermutigt.

Es gibt Tage, da gesellen sich zum üblichen Stimmorchester einige Marktschreier. Wenn vor dem Rathaus, dort wo der Wochenmarkt üblicherweise stattfindet, kein Platz ist, weil dort wahlweise die Kirmes, die Bautage, das Stadtfest, der Martinsmarkt, der Weihnachtsmarkt oder ähnliche Besonderheiten stattfinden, dann müssen die Obst-Gemüse-Fisch-Fleisch-Blumen-Socken-Stände in die Fußgängerzone umziehen. Und genau vor meiner Haustür steht dann (nicht schreiend aber ob der Verkaufsware stinkend) mein Lieblingskäsehändler. Es wird also nicht nur für auditive Menschen gesorgt, sondern auch das olfaktorische Erlebnis ist ein nicht zu unterschätzendes.

Irgendwann am frühen Abend verebbt dann das Gemurmel, die Läden schließen, die Stühle der Außengastronomie werden mit Ketten gesichert und nur vor oder im Eiscafé und beim Griechen um die Ecke sitzen noch Menschen, die sich in den Feierabend quatschen. Dann wird es ruhig. Und oft bleibt es das auch. Manchmal jedoch nicht. Die Wochenend-Nächte bringen feierndes Volk, das, von der S-Bahn aus Köln kommend, laut singend und schwätzend, manchmal auch schreiend, die Fußgängerzone zur privaten Feiermeile erklären. Das ist in der dunklen Jahreszeit nicht weiter schlimm, dann verschwinden die Menschen ob der Kälte und der Nässe sehr schnell wieder, im Sommer jedoch nehmen die von diversen Halluzinogenen (ich zähle mal den Alkohol dazu) in Trance versetzten Menschen auf den Bänken vor meinem Fenster Platz. Und reden und reden und reden und lachen und schreien und reden. Laut. Alle auf einmal.

Und das geht dann schon mal bis 4 Uhr. Dann kommt der LKW vom Bäcker und die Nacht ist vorbei.

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