ZUG IN DER ZONE

Still ist es heute, am Karfreitag. Selten ist die Zone so menschenleer, auch weil es zusätzlich zum hohen Feiertag Bindfäden regnet. Ich mag solche Tage. Von meinem Küchenfenster aus kann ich in die gegenüber etwas tiefer liegende Wohnung schauen, und während ich mir meinen ersten sehr schwarzen Tee mit Milch aufbrühe beobachte ich die Familie migrantischen Hintergrunds, die sich mit Mutter, Vater und zwei Kindern gemütlich, augenscheinlich erzählenderweise, auf dem Sofa tummelt. Sie sehen sehr fröhlich und glücklich aus, und irgendwie schwappt die schöne Stimmung zu mir herüber.

Erst kurz vor Karneval sind sie eingezogen. Eigentlich erst mal nur der Vater, der mit Freunden tagelang renovierte, um dann zum Karnevalssonntag ganz erstaunt am offenen Fenster zu stehen, den Zug beobachtend, der hier direkt vor unserer Tür vorbeigeht. Sich ganz offensichtlich den Gepflogenheiten der Einheimischen anpassen wollend und in Ermangelung von Luftschlagen, Ballons, Perücken und Verkleidung, stellte er eine Rose ins Fenster. Nach weiterer Beobachtung des Treibens tat er es seinen Nachbarn gleich und spannte einen Regenschirm auf, befestigte eine Kordel daran und hängte ihn kopfüber aus dem Fenster, damit das diverse an der Hauswand abprallende Wurfgeschoss der Karnevalsvereine nicht nur in die Hände der ohnehin reich beregneten Clowns, Fröschen, Cowboys und Panzerknackern, die unten standen, geriet. Er und seine Freunde hatten zunehmend Spaß an diesem für sie völlig neuen Erlebnis.

Erst da wurde mir die eigentliche Schönheit dieser wiederkehrenden Tradition bewusst, der ich viele Jahre aus dem Weg gegangen war. Diese fünfte Jahreszeit, während der die Menschen hier im Rheinland sich irgendwie leichter durch den Alltag bewegen, in der viel gelacht wird, in der Rang und Namen sowie Einkommensklassen ihre Bedeutung verlieren und Fremde plötzlich zu Freunden werden, geschunkelt, gebützt und gesungen wird, diese Zeit besticht durch eine Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, die die Integration von Zuwanderern deutlich erleichtert.
Wie schön wäre es, wenn wir diese fünfte Jahreszeit in unseren Herzen ausdehnen könnten……